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Corona: Meine Handlungsempfehlung

17. März 2020

Die Ereignisse und Meldungen um Corona haben sich in den letzten Tagen überschlagen. Von ersten bestätigten Fällen in der letzten Woche bis zu (Hoch-)Schulschließungen in dieser Woche. Übers Wochenende war ich mir noch unsicher, welches die richtige Verhaltensweise sein könnte – zwischen einer zu leichten Schulter und kopfloser Panik. Ich bin nun zu einer Entscheidung gekommen und möchte meinen Erkenntnisprozess gerne teilen.

Ich berichte aus Dresdner Sicht und beziehe mich deshalb auf Dresden, Sachsen und Deutschland. Allerdings ziehe ich Überlegungen heran, die sich auf andere europäische Länder übertragen lassen.

Statistik. Oder warum 12 gemeldete Fälle bereits eine Epidemie sind.

Zusammengefasst:

  • Eine Region kann sich durch zwei Methoden schützen: Sie schottet sich komplett von der Außenwelt ab und sie unterbindet physische Kontakte unter den Menschen.
  • Es ist möglich, dass bei 12 Corona-Diagnosen bereits 180 Menschen infiziert sind und diese Zahl sich täglich verdoppelt.
  • Wenn sich der Virus zu schnell ausbreitet, fehlen Betten in Krankenhäusern. Damit können nicht mehr alle Notfälle behandelt werden und es sterben unnötig Menschen.

Bei Perspective Daily erschien die Übersetzung des Artikels Coronavirus: Why You Must Act Now. Der Autor Tomas Pueyo erklärt darin anhand statistischer Daten, wie sich der Virus in unterschiedlichen Ländern ausgebreitet hat, was die Regierungen dort veranlasst haben und warum die Mortalitätsrate in einigen Ländern bei 0,5% liegt und in anderen bei 6%. Aber der Reihe nach.

Die wichtigste Info ist, dass die Zahl der Corona-Diagnosen eine wahrscheinliche Zahl der infizierten Menschen beinhaltet. In China hat die Seuchenschutzbehörde (China CDC) durch Befragung der Patient:innen ein Bild des Infektionsverlaufs zeichnen können. An dem Tag als in der Hubei-Provinz 100 Fälle diagnostiziert wurden, gab es 1.500 neu infizierte Menschen. Einen Tag später wurden 400 neue Diagnosen gestellt und 2.500 Menschen neu infiziert.
Am Freitag waren in Dresden 12 Fälle gemeldet, somit könnten 180 Menschen infiziert sein. Statistisch werden das am Montag 1.500 infizierte Menschen mit 100 diagnostizierten Fällen. Die Stadt hat vorausschauend Gegenmaßnahmen ergriffen, im Moment verzeichnen wir “nur” alle 3 Tage eine Verdopplung.

Der Autor geht davon aus, dass es zwei Möglichkeiten gibt, mit dem Virus umzugehen. Die eine Methode ist die Abschottung, also der Abbruch jedweden Reiseverkehrs und die Isolation von infizierten Menschen und deren Kontaktpersonen. Von dieser Möglichkeit haben europäische Länder keinen oder nur wenig Gebrauch gemacht.

Die zweite Methode kommt zum Tragen, wenn die Abschottung nicht passiert ist. Sie beschreibt die Verlangsamung der Ausbreitung durch das Aussetzen von physischen Kontakten. Im Artikel wird dieses Aussetzen mit “sozialer Distanznahme” beschrieben, ich nenne es lieber physische Distanz. Wichtig ist, dass diese Distanz alle einhalten und nicht nur die Risikogruppen. Breitet sich der Virus zu schnell aus, werden auch mehr Menschen aus der Risikogruppe angesteckt, was die Krankenhäuser und das Pflegepersonal schnell an seine Grenzen bringt, wie in Italien passiert.

Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist demnach dafür verantwortlich, wie hoch die Sterberate sein wird: Länder, die zu spät reagieren schauen auf 1 Todesfalls unter 16 Infizierten. Länder, die die Ausbreitung verlangsamen, halten diese Rate bei 1 Todesfall auf 200 Infektionen.

Meine Präventivquarantäne

Freitag nachmittag war mein Standpunkt noch: Alles halb so wild bei 6 bestätigten Fällen in Dresden. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe, das Ding läuft durch und gefährdete Menschen werden im Krankenhaus behandelt. Heute sehe ich das anders.

Die Ursache ist wohl der oben benannte Artikel, der mir gezeigt hat, dass hier alle gefragt sind. Die Ausbreitung zu verlangsamen ist unser aller Anliegen, da wir uns mit den Menschen solidarisch zeigen, die auf funktionierende medizinische Hilfe angewiesen sind. Es ist von Vorteil, dass die Behörden schnell reagieren und durch die Aussetzung der Schulpflicht und das Verbot von Großveranstaltungen das ihrige tun. Unzählige Kultureinrichtungen ziehen gleich und sagen alle Veranstaltungen bis Ende April ab. Wir können uns nun ein Beispiel nehmen, und unser Leben für die nächsten Wochen anpassen.

Ich selbst habe mich in Präventivquarantäne zurückgezogen und alle unnötigen Termine abgesagt. Das heißt selbstverständlich nicht, dass ich zu Hause nur rumhocke: Geht spazieren, nutzt die sozialen Netzwerke, telefoniert miteinander! Hamstert nicht, einkaufen ist voll okay, so lange ihr euch ausreichend schützt. Lest Bücher, malt Bilder, dreht ein Video, nehmt Musik auf!

Aber, aber …

Dieser Beitrag ist eine Momentaufnahme von Sonntag, dem 15. März 2020, und sicherlich ändern sich Erkenntnisse. Dennoch gibt es einige Argumente, die sind einfach absurd. Auf diese möchte ich hier kurz eingehen:

“Bei der Grippe sterben jährlich 20.000 Menschen und da wird nicht gleich alles dicht gemacht.”

Diese Zahl basiert auf einer Studie, die verkürzt folgendes behauptet: Es gibt keine korrekten Fallzahlen zu Grippetoten, da die Totenscheine falsch ausgefüllt werden; anstatt “Grippe” steht da “Lungenentzündung”, “Kreislaufversagen” und ähnliches. Deswegen hat sich die Studie aufgemacht und die Zahlen für 2012/13 theoreitsch berechnet – also geschätzt. Empirisch nachweisbar sind jedoch von 2010 bis 2013 tatsächlich nur 26 bis 198 Grippetote pro Saison. (Quelle: Deutsches Ärzteblatt 2015)

“Das Verhalten von Politikern, Behörden und Bürgern in der ‘Corona-Krise’ zeigt, was vor allem Intellektuelle als durch die Aufklärung überwunden glauben: den fatalen Hang des Menschen zur Gefolgschaft.” (Telepolis, 15.03.2020)

Dieser Spruch ist krass, beschreibt jedoch das, was viele noch denken: So schlimm kann es nicht sein, müssen wir wirklich alles dicht machen. Nein, müssen wir nicht. Es kann durchaus sein, dass wir glimpflich davon kommen, und auch ohne physische Distanz die Anzahl der Toten gering bleibt. Wir wissen es jedoch nicht. Und so lange wir es nicht wissen, finde ich jeden möglichen Corona-Toten einen zuviel. Nur weil die Bundesregierung mal etwas sinnvolles empfiehlt, sind wir noch lange nicht zu folgsamen Zombies mutiert.

Und was noch?

Haltet es wie Douglas Adams: Keine Panik! Wer sich informieren will, dem lege ich den panikfreien Podcast des NDR mit Christian Drosten, dem Leiter der Virologie in der Berliner Charité, ans Herz.

Informiert euch darüber hinaus beim Bund, in eurem Bundesland (Sachsen) und eurer Kommune (Dresden). Für wirtschaftliche Einbußen für Angestellte und Unternehmen hat die Bundesregierung einen unbegrenzten Topf zur Verfügung gestellt. Die Kreativwirtschaft in Sachsen hat ebenfalls einen informativen Artikel verfasst.

Überlegt, was ihr für eure nähere Umgebung tun könnt. Schöne Beispiele sind das Angebot zur Kinderbetreuung oder die Hilfe für Menschen aus Risikogruppen.

Es gibt außerdem eine Petition, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle begrenzt auf sechs Monate vorschlägt: Ein gute Idee, um das BGE in Deutschland endlich mal zu testen!